Fuir le bonheur
Sie sehen fesch aus, wenn sie sich dann endlich heraus trauen, diese wortgewandten Farben der Erinnerung. Gestern zum Beispiel, gestern erinnerten sie an Perlmutt. Fasziniert von dem Wechselspiel übersehe ich gerne die Risse, übersehe, dass es bröckelt. Unter dem Perlmutt das Grün, auch das hatte Risse, wie das Blau darunter und das andere Perlmutt und das Schwarz und das Rosa. Zu wichtig war uns immer das Tünchen, es musste schnell gehen, immer. Damit wir uns wieder die Zähne zeigen konnten, oder in den Armen liegen. Manchmal, ja manchmal auch beides.
Wie hätten wir das auch bewerkstelligen sollen? Nie war genügend Zeit um alte Schichten abzukratzen, einen sauberen Untergrund zu schaffen, nie.
In den vielen Nächten ohne Wärme und Englisches Bier sehe ich uns beide fliehen, Hand in Hand, jeder flankiert von seinen Peinigern. Hin und wieder reicht uns die Zeit für ein Lächeln, einen hingehauchten Kuss, einen kurzen Druck unserer schweißnassen Hände. Selten verlieren sich die Finger und für einen kurzen Moment halten wir dann inne, unsere Blicke suchen einander, wir ertasten uns mehr als wir uns sehen.
Sie spielen Katze und Maus mit uns, diese Verfolger. Sie lassen sich zurückfallen, wir erkämpfen uns einen kleinen Vorsprung, eine kurze Pause in der wir keuchend an einem Baum lehnen, Schulter an Schulter, wie zwei Fremde, die zufällig unter dem selben Blätterdach Schutz suchen.
Fremde? Mitnichten sind wir uns fremd. Wir sind Kinder vom Spielplatz der Abgründe, dort wo man tiefer buddelt als anderswo und die Burgen mehr Zinnen haben. Wo höher geschaukelt wird, bis fünf vor zwölf geschaukelt wird, bis zu dem Punkt, an dem die Fliehkraft unterliegt und die Seile nicht mehr gestrafft sind.
Du ziehst eine dieser ultraleichten Zigaretten aus der Schachtel, die fällt zu Boden, ich zünde dir die Kippe an, die Glut scheint auf deinen Lippen zu wippen, ein rotes Glühwürmchen in der Nacht.
Ich glaube ein Schluchzen zu hören und wie du die Nase hochziehst, ich küsse dich vorsichtig auf die Wange, sie schmeckt nach Salz und nach dem Ruß der Wimperntusche, die jetzt vermutlich ihre Linien in dein Gesicht malt.
Wie schön du doch bist, denke ich dann, zart und verletzlich, eine Blüte die sich öffnet, wider Willen öffnet. Ich möchte dir von meinen Träumen erzählen, von den Tagen im Mai und den Abenden im September. Vor allem von den Abenden im September, wenn wir in die Sterne treten und die Kühle in unsere Kleider fährt, wir uns zitternd aneinander reiben.
Möchte dir sagen, dass ich angekommen bin, dass du die Frau bist für die ich lebe, für die ich immer gelebt habe, auch als wir uns noch nicht kannten. Dass ich jede Nacht meinen Kopf in deine Tentakel legen und morgens eintauchen möchte in die See deiner leuchtenden Augen, um ein Bad zu nehmen, das mich unverletzbar macht.
Ich schreie dir mein Schweigen durch die kahlen Flure meiner Träume. Kein Wort kommt über meine Lippen, ich spitze die Ohren, nein, wirklich kein Ton.
Deine Zigarette, eine lange Glut, sie glimmt hell vom hastigen Ziehen. Mir ist, als leuchtete sie meiner Seele zitternd den Weg in ein Schwarzes Loch.
Hungrig wartet es auf einen Laut von mir, danach lechzend, dass ich meine Wünsche ausspreche. Nicht um die Gedanken zu hören, nein, sie sind ja längst kein Geheimnis mehr. Es will meine Seele und meine Worte sind die Reißleine an einem Schirm der sich nicht öffnet.
Ich weiß, ungebremst wird sie in die Tiefe gezogen werden, meine Seele. Auf ihrem Rücken dieser geschnürte Sack mit seinerseits vielen kleinen Päckchen. Wundervolle kleine Päckchen voller Freude, voller Leid. Dosen, bis zum Rand gefüllt mit dem Gelee aus Ängsten, Ampullen mit Adrenalin, Merkzettel meiner Verfehlungen, wie gedruckter Hohn auf reflektierendem Untergrund. Als wäre das alles nicht genug, ein Fetzen Stoff, zitronengelb und fluoreszierend ein "Ich liebe dich" tragend, und das geistige Auge wird davor ein "Aber" und dahinter ein "doch" setzen.
Ich werde ihm hinterher sehen, so wie man nach einem Flugzeug schaut, das ein Werbebanner durch einen dieser unverschämt blauen Sommerhimmel zieht. Werde paralysiert sein von den eigenen Worten, darauf wartend, dass sich der Boden öffnet um mich zu verschlingen.
Aber was passiert, wenn er sich nicht öffnet, ich nicht direkt in die Hölle fahre? Eine Hölle, die ich nicht fürchte, weil ich das doppelte dessen was mich erwarten könnte und ein Vielfaches an Himmel bereits mit unserer Liebe erfahren habe?
Stehe ich dann mit zitternden Knien, ein kleiner Junge im Schatten eines Monuments? Ein Häufchen Elend, zu nichts mehr zu gebrauchen, wenn nicht das erlösende "Ja" fällt? Wenn unter dem Joch dieser ultimativen Angst der ausgetrocknete Mund mehr krächzt als fragt: "Willst du meine Frau werden?"