Élise


Gegenüber der Charité vor einem Café sitzen und auf das Fenster sehen, hinter dem Rimbaud vom Wundbrand verschluckt wurde. Wer mag jetzt in dem Zimmer liegen und auf den finalen Sensenhieb warten?

An einem Peroquet nippen, zarte Finger auf dem Schenkel spüren und wieder in die Realität eines Traums zurück kehren. Gegenüber am Bordstein steht eine Schwalbe mit Rosen im Arm, einige liegen im Rinnstein. Sie trägt mehr Gürtel als Rock, zwischen zwei Freiern schickt sie ihre Galle an unseren Tisch.
Ein paar Münzen fallen lassen und barfuß an der Mole entlang rennen, die schweißkalten Finger aneinander geklebt und die Espadrilles wie Wimpel nach oben gestreckt.

Ô Marseille summen, den Kopf im Takt wiegen und dann beide laut ganz Apollinaire skandieren:
"Engel ganz frisch, ging gestern von Bord." Treppen steigen und unsere Schatten an die verfallenen Fassaden kleben. Weiter, immer weiter, versuchen Schritt zu halten mit ihr, die mehr schwebt als sie geht. Kleine Plätze wie Innenhöfe durchschreiten, lederhäutige und rundliche Männer sitzen beim Pastis und gestikulieren. Sie halten inne, Gespräche verstummen und ich recke meinen Kopf noch etwas höher, gehe einen Tick gerader noch als sonst.

Meine Hand ruht am Ende ihres Rückens, zaghaft wie es nur frisch Verliebte tun, als könnten die imaginären Flügel unter dem Druck knicken. Aus Sekunden Stunden und Tage machen, wenn wir kurz stehen bleiben, sie mich erschaut, mit diesen Augen in denen sich die Wellen brechen. Weiter gehen, die Hüften reiben aneinander, das Gesicht verzogen zu diesem dämlichen Grinsen wie nach einer endlos sinnlichen Nacht. Eine Zungenspitze Salz aus ihrer Halsbeuge stehlen, wieder die Augen öffnen und spüren wie das Gesicht versteinert gleich der Wand, auf die ich zu starren beginne.

Mon Amour – wie gereckte Lippen die ersten Buchstaben und immer heller werdend, weil gestern ihr Lippenstift dieser Tortur auf dem rauen Putz nicht lange standgehalten hatte. Die Wand, diese heilige schäbige Hotelmauer hinter die wir beide geflüchtet sind und uns geliebt haben, wieder und wieder, getrieben von unserer Angst vor einem endgültigen Morgen.
Der Maghrebiner reicht uns den Schlüssel, sie steigt diese Hühnerleiter mit Geländer hoch, ich folge in vier Stufen Abstand. Mein Kopf ein Bass, darin rumort Ferré:"Ich habe lange davon geträumt hinter einer nackten Frau eine steile Treppe zu erklimmen, meine Hand an ihr X geklebt."

Ich verkürze auf zwei Stufen, der Engel beginnt sich das Kleid hinten aufzuknöpfen. Ein Träger rutscht bereits, ich beiße in den Stoff und verfluche die Einkaufstüten in beiden Händen. Drei Knöpfe später fällt die Tür ins Schloss und das Kleid zu Boden, es ist zu dünn um den Aufprall der Flasche zu dämpfen.

Ihre Brüste wippen bei jedem Ruck, wir zerren das Bett zum Fenster, sie streckt ihre zuckenden Schulterblätter, öffnet ihre Haare und ihre Brustwarzen wachsen dabei nach oben. Ich vergesse dass ich mir das Hemd aufknöpfen wollte. Zwischen uns das Bett, eine Hängematte im Gitterrahmen. Der Engel beginnt sich das Höschen abzustreifen, ich schüttle meinen Kopf, sie hält inne und schaut mich fragend an, während ich an ihrer linken Hand ziehe. Gehe in die Knie, setze mich auf den Boden, das Bett sinkt, sie kniet darauf und balanciert ihren Oberkörper. Zwei Kirschen auf ihrem weißen Höschen schwingen direkt vor meinen Augen, sie reckt ihr Becken weiter nach vorn und manövriert in einem Boot über die Wellen.

Heute früh gekauft diese kindliche Verführung, zwischen billigen Haushaltsgeräten und Tennissocken fünfundzwanzig Francs das Dutzend. Das Lied von der Kirschenzeit dazu gesungen, der Engel bestand darauf, es im Meer zu waschen. An der Mole zwei Angler, ihre beiläufigen Blicke zu durchdringend, sie schob ihren Rock hoch und schmückte ihre Venus mit den halbfeuchten Kirschen. Hand in Hand über die Steine gehüpft, einer der Männer knüllte sich gerade den blauen Slip unter die Nase. Dunkelblau satiniert, sie trug ihn schon am Vorabend. Ich fand er roch zu sehr nach Waschmittel und hatte Blüten vom Jasminstrauch gepflückt, sie in meinen schweißklebrigen Händen zerrieben. Auf dem blauen Stoff getrocknet, eng an ihren Rücken gepresst und gespürt wie die Schweißperlen von meiner Brust ihre Wirbel hinunter wanderten.

Vom Bett aus konnte ich einen Zweig erreichen, wir lagen nebeneinander in dieser Mulde, mehr Trichter als Matratze. Ich zwirbelte eine Blüte über ihr Gesicht, die aufgeschreckten Wimpern begannen zu flattern und balzten mit dem weißen Schmetterling. Sie richtete sich ein wenig auf, steckte selbst eine Blüte zwischen ihre Lippen und begann mich damit zu streicheln. An der Stirn beginnend, mein Schweiß klebte ihr den Kelch an die Lippen. Sie nahm noch eine neue Blüte und zog damit eine Spur über meinen Körper, Pore für Pore, eifersüchtig darauf bedacht, keine auszulassen.

Danach habe ich sie besucht in dieser Mulde tief und duftend wie ein Blütenkelch, nach einer Zigarette wieder besucht, sanft und aussschweifend um jedes Stückchen Himmel und Erde miteinander zu verbinden.
Eine Armlänge entfernt liegt ihr Kleid, es nimmt die Farbe der Kirschen an, die noch immer vor meinen Augen tanzen. Der Geruch von billigem Wein klebt in meiner Nase, der Engel schaut mich mit großen Augen an. Er verschränkt seine Arme vor der Brust, die linke Knospe zwängt sich durch den Spalt zwischen zwei Fingern. Ich stehe langsam auf. Wie eine Madonna kniet sie jetzt, den Kopf zum Jasmin gedreht, zwischen zwei Dächern erscheinen Bootsmasten.

Mir fällt auf, dass die Treppe nicht knarrt, dem Maghrebiner gebe ich zweihundert Francs und als ich mich umdrehe, steckt er fünfzig davon in seine Hemdtasche.
Draußen sprüht eine alte Frau Javel auf die Wand, ein paar hellrote Streifen sind noch zu erkennen, sie bürstet gerade das M.