Manu


Warum ich als Spanier noch nie in Spanien war? Eine lange Geschichte, Agnès. Ich war schon in Spanien, aber als Kind, lange her das alles.

Manu entkorkt eine Flasche Bordeaux und gießt unsere Wassergläser randvoll. Er prostet uns mit der Flasche zu und nimmt einen tiefen Schluck, holt mit pfeifender Lunge so tief er kann Luft, dann beginnt er zu erzählen:

Anfang der 60er Jahre kamen 3 Spanier nach Paris, sie stammten aus dem Barrio Santa Cruz in Sevilla. Wie viele Spanier damals suchten sie ihr Glück in Créteil, dort wo die dicken fetten Fabriken stehen und die damals so begehrten und luxuriös ausgestatteten Betonburgen.

García und Juan, zwei Brüder und Manolo, mein Vater, ihr bester Freund.

Den beiden war das Leben im Autowerk und der Feierabend mit Familie zu hause wie auf den Leib geschrieben, mein Vater war da ganz anders.
Er trieb sich in Studentenkreisen herum und lernte dort Eve-Marie, meine Mutter kennen. Eine gnadenlose Liebe, wie García es mal genannt hat. Du kannst es dir sicher schon denken: Der gute Manu war schneller unterwegs, als ein Blatt benötigt, um vom Baum zu fallen. Meine Mutter -einzige Tochter- wurde von meinem Großvater, er war damals ein Hohes Tier in der Pariser Verwaltung, verstoßen, weil sie sich mit dem ''Zigeuner'' eingelassen hatte.

Die beiden haben sich nie mehr bewusst erlebt. Doch davon später. Ich hatte bald eine Schwester, Ana. Von meiner Kindheit ist mir wenig in Erinnerung geblieben, außer die häufigen Reisen nach Spanien in einer blauen Dauphine, wir waren immer ewig lange unterwegs. Manchmal fuhren wir nur eine Woche weg, also drei Tage in Spanien, die restliche Zeit verbrachten wir auf der Straße. Ana und mir hat das nie was ausgemacht, im Gegenteil: Was haben wir uns gefreut, wenn mein Vater „Vamonos“ gerufen hat. Fremde Menschen mit einer vertrauten Sprache, wie bei uns zu hause, das Leben auf der Straße, die vielen Kinder, mit denen man draußen spielen konnte. Nicht früh zu Bett gehen zu müssen, sondern nach spanischer Sitte erst dann, wenn wir nicht mehr auf eigenen Füßen stehen konnten.

Das ging ein paar Jahre so. Im Frühjahr 1972 starb meine Großmutter, ich war damals 9 Jahre alt. Sie war ausgezehrt vom Zorn und Starrsinn dieses Tyrannen. Ich habe sie oft gesehen, immer wenn sie heimlich meine Mutter besuchen kam. Mein Großvater durfte das ja nicht mitbekommen.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine herzlichere Frau als sie je gegeben hat. In meinen Erinnerungen steht sie manchmal wie ein Engel und schüttelt lächelnd den Kopf über Manu, der eben wieder aus einer Pfütze kriecht.

Pfingsten des selben Jahres wollten wir wieder nach Sevilla. In Port Bou, der Grenze, wurde Auto das gefilzt, man durfte zum Beispiel keine Schallplatten oder Kassetten einführen, aber bisher hatten wir nie Schwierigkeiten gehabt. Touristenautos mit Kindern auf dem Rücksitz wurden meist durch gewunken.

Diesmal haben sie es doch gefunden, aber Ana und ich begriffen ja nicht, worum es ging. Ich weiß nur noch, dass wir auf unseren Reisen selten mehr als eine Garnitur Ersatzwäsche dabei hatten, trotz der vollen Koffer. „Hombre“, sagte García an meinem achtzehnten Geburtstag zu mir, „Hombre, dein Vater ist nie nach Spanien gefahren, um Urlaub zu machen. Er hat euch gebraucht, damit er einen Kofferraum voller Flugblätter, lauter politisches Zeug, unauffällig über die Grenze bringen konnte.“

Unsere Eltern wurden in das Zollgebäude mitgenommen, kurze Zeit später stieß man die beiden in einen Polizeiwagen. Ich erinnere mich, wie ich hinterher lief, ich wollte auch in einem Polizeiauto mitfahren. Sie brachten uns in die Station, wir hatten Angst, weinten, und auf die Frage, wo unsere Eltern seien, hieß es nur, sie würden gleich wieder kommen, wir sollten uns beruhigen, etc.
So saßen Ana und ich Stunden auf dieser Holzbank, und ständig gingen irgendwelche Männer in Lederstiefeln und Uniformen an uns vorbei.

Sehr viel später kamen dann zwei Ordensschwestern, sie sagten, unsere Eltern hätten eine ansteckende Krankheit und deshalb dürften wir sie jetzt nicht besuchen. Die Schwestern gaben uns Schokolade, fragten ob wir Hunger hätten, dann fuhren sie mit uns in ein Kinderheim. Was war ich stolz, in einem Auto der Guardia Civil zu sitzen! Im Heim waren wir ungefähr eine Woche, ich erinnere mich, dass die Schwestern sehr freundlich waren, sie hatten wohl Mitleid mit uns.

Onkel García und Juan brachten uns wieder nach Frankreich zurück. Sie fuhren in unserem Auto vor, auf dem Rücksitz saß unsere Mutter. Ich weiß noch genau, dass sie ein geblümtes Kleid trug, ihr Blick ging in die Leere und das Gesicht war aschgrau. Sie sagte kein Wort, nicht ein Wort. Wir haben sie umarmt, uns gefreut, sie zu sehen, aber sie zeigte keinerlei Reaktion, saß einfach nur da, wie eine Schaufensterpuppe. Unser Vater sei noch im Krankenhaus, wir würden ihn später holen, hat man uns gesagt. Wir gaben uns damit zufrieden, weil endlich hatten wir ja unsere Mutter und die Onkel wieder.

Wir wohnten von da an bei Inès und Juan, aber mehr als meine Schwester und mich hatte Inès unsere Mutter zu versorgen, die nach und nach den Verstand verlor. Anfangs hat sie noch ein wenig mit uns geredet, das wurde aber immer weniger. Wenn irgendwo ein Telefon zu hören war, blieb sie wie versteinert stehen, wir mussten ganz leise sein und dann sagte sie immer: „Kinder, da ruft bestimmt euer Vater an. Wir müssen ihn abholen, er ist wieder gesund.“

Das erste Mal fuhr sie mit dem Fahrrad los. Nach etwa 120 Kilometern hat man sie von der Autobahn gefischt. Eine Zeit lang ging es ganz gut, wenn ich mich recht erinnere, aber plötzlich war sie wieder verschwunden. Etwa drei Wochen später musste Juan sie dann in Montpellier abholen. Wir haben nie erfahren, wie sie dorthin gekommen ist.

Kurze Zeit später fand sie ein Fahrer auf der Ladefläche seines LKW. Danach hat man sie regelrecht weg gesperrt.

Meinem Großvater ist vermutlich klar geworden, dass er seine Frau in den Tod und indirekt seine Tochter in den Wahnsinn getrieben hat. Jedenfalls ließ er seine Verbindungen spielen und wir wurden offiziell in die Spanische Botschaft eingeladen. Die Männer trugen alle dieselben Uniformen und hatten diese lächerlichen Lackmützen auf dem Kopf, wie dort unten an der Grenze.

Ein Beamter überreichte meinem Großvater eine Mappe und meinte, unser Vater sei an einer schweren Krankheit gestorben. Uns hat es als Antwort genügt, für tiefere Trauer war schon zu viel Zeit vergangen. Unsere Ersatzfamilie bemühte sich wirklich, dass es uns an nichts fehlte. Wir hatten also eine schöne Kindheit.

Wenn wir unsere Mutter besuchten, sah sie uns kaum an. Ich glaube, sie erkannte uns noch nicht einmal richtig. Zumeist jedenfalls. Wenn sie etwas sagte, dann, dass sie nach Spanien müsse, um ihren Manolo zurückzuholen. Noch heute bringen wir ihr Wolle mit, wenn wir einmal im Quartal zu ihr fahren. Sie gibt uns dafür Socken und einen Pullover. Sie strickt immer dieselben, seit 29 Jahren. Sie ist davon überzeugt, dass er lebt und in die Pyrenäen geflohen ist, und dort oben in den Bergen ist es kalt. Wir versprechen ihr, die Sachen per Post zu verschicken, dann lächelt sie manchmal.

Agnès, wenn du also einem Kerl im schwarzen Strickpulli mit roter Halskrause begegnest, kannst du davon ausgehen, dass es ein von meiner Mutter gestrickter Anarchopullover ist. Ich verschenke sie immer sofort, ich werde nie einen Strickpulli tragen.

Mutter schwieg über das, was damals passiert ist. Das wenige, das wir wissen, stammt von Garcia und Juan. Als die beiden uns im Heim abholten, hat man ihnen geraten, sich nie wieder in Spanien blicken zu lassen. Man hat ihnen unsere Mutter, ein paar persönliche Dinge meines Vaters und den Polizeibericht mit dem Totenschein übergeben. Juan hat mir das Dokument sehr viel später einmal gezeigt. Es heißt, mein Vater habe den ihn verhörenden Polizeioffizier tätlich angegriffen und sei von einer Wache erschossen worden. Das medizinische Gutachten spricht von sieben Einschüssen, davon mindestens vier tödlich. Weißt du Agnès, deswegen gehe ich nie wieder nach Spanien zurück.