Place de la République


Mein Revier liegt im 3. Arrondissement, wo ich in Hinterhofkneipen und Kellergewölben die Seele satzweise zu Markte trage. Manchmal auch in einem schäbigen Antiquariat, zwischen Wand und Ecke gezwängt, dort wo der Staub der Großväter am dicksten auf den Regalen liegt. Oder zweimal die Woche bei den Freunden in der Rue Amelot, zwischen zwei schwarz-roten Fahnen und den angepinnten Durchhalteparolen eines vergessenen Spanischen Sommers. Der Kaffeefilter, an drei Stellen geklebt, der dabei herumgereicht wird: An guten Tagen reicht sein Inhalt für die halbe Wochenmiete, aber gute Tage sind selten bei denen, die kommen, um die Misere zu teilen. Die zwei sehr guten Tage im Monat sind die, an denen Agnès dem Harmonium die Pedale in seine wurmstichigen Bretter rammt. Gefolgt von dem Ritual, wenn wir die Nacht und die darauf folgenden zwei Tage bei Manu einläuten.

Manu, die Melancholie pur, sein asthmatisches Keuchen kommt sicher nicht vom dampfenden Fett, sondern vom übergroßen Herz, das auf die Lungenflügel drückt. Bei Manu kann man anschreiben lassen, abstottern, in Naturalien bezahlen. Von März bis Ende Mai gab es für mich täglich Fleisch zu den Fritten.
Zu der Zeit frequentierte ich regelmäßig das Haus des Weinhändlers Debache. Das Schlafzimmer war tabu, aber das Wohnzimmer abgedunkelt, das Sofa hergerichtet und daneben standen immer zwei Karton Wein. Seit einem Unfall vor ein paar Monaten ist Mr. Debache nur noch selten im Aussendienst. Madame ist darüber so traurig wie ich, und den mir dadurch entstandenen Einkommensverlust konnte ich bislang nicht kompensieren.

Heute gab der Kaffeefilter richtig was her, wir gönnen uns zwölfeinhalb prozentigen Rotwein aus der Literflasche, den mit Plastikverschluß. Eiskalt will er getrunken werden, sonst rächt er sich schon beim ersten Tropfen. Die zweite Flasche geht immer aufs Haus, wir spülen uns damit das Pommesfett aus dem Mund und weichen die übrig gebliebenen Brotreste des Tages darin auf.

Danach gehen wir untergehakt in meine Dachschräge im „Hotel des Friedens", vermutlich ist seit den Versailler Verträgen nie mehr etwas am Haus verändert worden. Mit Ausnahme vielleicht der Zentralheizung. Die Öltankentlüftung endet direkt neben meiner Dachluke, in den schwülen Augustnächten glaube ich mich neben einer Zapfsäule schlafend.

Ich öffne die dritte Flasche und fülle zwei Kaffeetassen, Agnès sitzt nackt auf dem Bett und wartet bis ich beherzt leer getrunken habe, packt mich an den Haaren und drückt meinen Kopf zwischen ihre dürren Schenkel. Agnès, keine Frau auf der Welt, die ihren Unterleib erfolgreicher vor Wasser zu schützen weiß, als Agnès, und ich frage mich, ob Jacques Brel ähnliche Momente kannte, weil er von „Fritten, Muscheln und Moselwein" gesungen hat.