Dienstag, 20.1.
La vie bourgeoise
Busse fahren im Minutentakt, was dazu führt, dass schon mal drei oder gar vier Busse der selben Linie hintereinander an der Ampel stehen und die Haltestelle anfahren. Speziell auf den Linien in und nach Recoleta präsentieren sie sich farbenfroh und blankgeputzt. Schon von weitem kann man die Linie an der Busfarbe und den großen Zahlen erkennen. Gerade diese Kombination erinnert einen sofort an die Einarmigen Banditen in Las Vegas. Die Busse fahren rund um die Uhr, im Gegensatz zur Metro. Die zu erkunden steht noch an.
Wir wohnen in Recoleta, einem sehr bourgeoisen Viertel, das wie eine Mischung aus den Pariser Vierteln Opera/Grands Boulevards und Marais wirkt. Nur deutlich größer. Obst- und Gemüseläden, italienische Feinkost und an Pariser Bistrots angelehnte Cafés in Hülle und Fülle. Dazu die Dinge des täglichen Gebrauchs, schicke Geschäfte zwischendrin, hin und wieder ein kleines, altes Kurzwarengeschäft oder eine einfache Drogerie, die angenehm mit den Feinkosttempeln kontrastieren.
Eine Piazzolla-Veranstaltung hätten wir gerne noch im großen Teatro Colón gesehen, leider gab es keine Karten mehr für diese Woche. Wir hoffen auf ein Alternativprogramm irgendwo, ich habe bereits meine Kontakte hier angezapft.
Wir wollten heute den großen Friedhof ganz in der Nähe besuchen. Es soll sich lohnen, haben wir gelesen. Das touristische Highlight wird gerne von Amerikanern besucht, wie man unschwer hören konnte. Für uns beide hätte der Eintrittspreis bei 25 Euro gelegen, es lohnt sich also für jemanden. Vor der Friedhofsmauer stellen Händler:innen Devotionalien wie Armbänder, hässlichen Silberschmuck, Räucherstäbchen aus.
Ähnlich wie in La Boca gab es auch hier ein junges Paar, das zur Tango-Musik Schritte von sich gab, sobald sich jemand näherte, der sich als Tourist entpuppen könnte. Bei Fehlalarm oder Desinteresse verstummte der Ghettoblaster augenblicklich, die Tanzenden gingen zurück in die Grundstellung.
Eine nette Frau bot uns schachtelweise handgemalte Krippenfiguren aus Ton an, sie erinnerten an die Santons in der Provence. Als ich „ateístas“ in das Verkaufsgespräch einwarf, gab sie auf. Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, dass sie sich bekreuzigte.
Die dem Friedhof angeschlossene Kirche ist innen sehr blattgoldlastig gestaltet und offen zugänglich. Von Beichtstuhl bis Andachtsecken war die Kirche gut besucht, es wird darin allerlei Heiligen gedacht, auch von Polen-Karle findet findet man ein großes Portrait.
Beachtlich fand ich eine Holzschnitzerei, die einen Padre darstellte. Er jonglierte mehr damit, als dass er das große Kreuz gehalten hätte. Das stand für mich in so krassem Gegensatz zu der Art, wie die Kirche vor allem die Ureinwohner und die Armen mit dem Kreuz zu züchtigen wusste.
Zwar stand am Eingang der obligatorische Hinweis, dass keine Gruppenführungen erwünscht sind, daran halten möchte man sich allerdings hier ebenso wenig wie in Freiburg oder andernorts. Ruhe, Einkehr, Privatsphäre der Gläubigen und das Geschäftsmodell der Kulturführungen, deren Zweck ist, direkt am Objekt Informationen zu liefern, sind schwer miteinander vereinbar und bilden doch eine Allianz. Ohne Interessierte keine Kollekte, ohne Kollekte kein Blattgold, ohne Blattgold und Insignien kein Interesse. So erklärte also die Reiseführerin mit halblauter Stimme, wobei ihr Englisch eine deutliche spanische Färbung hatte. Selbst in einer sehr kleinen Reisegruppe ist immer einer, der es besser weiß, was er deutlich und laut kundtut, und keine Gruppe ist zu klein, als dass nicht noch ein oder zwei Schwerhörige mit lautem „Sorry?“ und „Really?“ die Flüsterrunde zu sprengen vermochten.
Fortsetzung folgt …

















