Donnerstag, 8.1.
Eben beginnt
unser dritter Tag in Buenos Aires. Wir wohnen in einem ehedem hochherrschaftlichen Haus von 1910. Nach vorne genießt es wie so viele Orte hier den morbiden Charme vergangener Jahre, hinten ist es alt, zerbrechlich, verrostet.
Gestern und vorgestern waren wir jeweils in spanischen Lokalen essen. Hier ist alles riesig. Die Lokale mit locker 150 bis 200 Sitzplätzen, alle Plätze sind gedeckt und geschmückt wie die Braut vor der Hochzeit.
Es stellt sich heraus, dass die Braut eine alte Jungfer ist und die Gäste weggestorben sind. Wir waren immer die ersten Gäste und als wir nach zwei Stunden gingen, waren noch drei Gäste von insgesamt fünf während des Abends, da. Draußen dann zwischen 21 und 21h30 erlebt man ein Gewimmel von älteren aber vor allem jungen und sehr jungen Menschen, manchmal mit Kindern, die sich ihren Schlafplatz unter einem Vordach oder im Schatten eines Kiosks suchen. Manche tragen ihr Bettzeug unter dem Arm, die meisten haben ihre Habe in ein oder zwei Müllsäcken, die sie auf der Schalter tragen. Frauen -jung, mittleren Alters, Teenager- schieben gerne mal einen Buggy, meist hat das Teil noch alle vier Räder. All diese Menschen gehen nicht, sie huschen. Das fällt umso mehr auf, als man sich hier generell eher langsam bewegt. Kein lautes Geschnatter oder ständiges Telefonieren, keine Hektik. Hier gibt es längst keine mondänen Geschäfte mehr, am Theater prangen alte Plakate die eine gewisse Aktualität suggerieren, weil beim Datum kein Jahr vermerkt ist. Unser Haus liegt direkt beim Kongresspalast und dem großen Platz, der auch Nachtlager für viele ist. Morgens ab 6h weckt die Patrouille der Stadtpolizei, ehe aufgetakelte Ex-Schönheiten ihre Schoßhündchen ausführen.
Was es hier nicht gibt, ist Hunger. Essen gibt es in Hülle und Fülle. Die Portionen sind einfach nur gigantisch. In Lokalen und Cafés jeder Preislage. Abends riecht man die Suppenküchen auf den Öffentlichen Plätzen. Von weitem erahnt man sie an der Menschenschlange, die sich untypischerweise irgendwo gebildet hat.
Im Restaurant wiegt ein Steak um die 700g. Es wird dick mit Schinken belegt und mit Spiegelei garniert. An so etwas haben wir uns bisher nicht herangewagt, wir haben schnell gelernt, dass uns beiden eine Portion eines Tellergerichts völlig ausreicht und wir beide gut satt werden.
Bei allem ist die Stadt sehr sauber, es wird sehr wenig geraucht und man sieht auch kaum Kippen oder gar Müll auf dem Boden liegen. Betteln findet quasi auch nicht statt. Es gibt sehr wenig Grün und das Wenige wird sehr gepflegt. Der Leerstand bei Geschäften ist enorm und diese Orte sind Öffentliche Bedürfnisanstalten. Wenn man vorbeigeht schlägt einem unerträglicher Gestank nach Urin entgegen. Das dauert manchmal 5 oder 10 Meter, manchmal auch eine ganze Straße lang. Dann geht man um die Ecke und steht vor einem modernen vollverglasten Fitnesscenter (wovon es einige gibt, denn die Steaks wollen auch wieder abtrainiert werden), und sieht vor allem junge Menschen an Hanteln und Geräten.
Gestern waren wir im schicken Palermo mit seinen tollen Apartmenthäusern, den Boutiquen und Hipster-Lokalen. Der Vergleich mit Prenzlauer Berg drängt sich geradezu auf. Das steht heute wieder auf dem Programm, einschließlich des Museums für Lateinamerikanische Kunst.
Fortsetzung folgt …


















































