Samstag, 10.1.
MALBA – Palermo / La Boca / San Telmo
Das MALBA – Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires liegt an der Avenida Figueroa Alcorta im Stadtteil Palermo. Ein modernes Gebäude, das der Geschäftsmann Eduardo Costantini ursprünglich für seine Privatsammlung erbauen ließ. Ohne hier weiter auf die Exponate eingehen zu wollen: es fällt auf, dass eine riesige Lücke von bis in die 30er Jahre und ab Ende der 70er Jahre geborenen Künstler:innen besteht. In diese Phase fallen auch die in ganz Lateinamerika wechselnden (Militär)diktaturen.
Die zehnspurige Allee kommt ohne Mittelstreifen aus und möchte in zügigem Schritt überquert werden. Es ist das Viertel der Botschaften und der vielstöckigen Residencias für die gehobene Mittelschicht mit ihren Conciergerien und den Designmöbeln im Foyer. Die Tiefgaragen-Einfahrten zu diesen Kleinodien der sozial weniger Gebeutelten werden von Marmorsäulen flankiert, Kronleuchter sorgen für sanfte Illumination.
Man sieht hin und wieder hippe Cafés und Restaurants und „Prenzlauer Berg ohne Winterkälte“ hat sich im Kopf festgefressen.
Die Preise sind für europäische Maßstäbe OK, für amerikanische ist es geradezu billig. Und so sieht man in den Cafés auch die erste Riege der Digitalnomaden. Gewissermaßen die Vorhut, die mit den 200.000 Dollar Jobs. AirPods schirmen sie von der Umgebung ab, das MacBook thront auf einem Scherengelenk-Standfuß, dessen Preis dem Monatsverdienst der dauerfreundlichen Bedienung entspricht. Die Sitzposition ist betont aufrecht, sie spiegelt die perfekte Work-Life Balance wider, der Latte Macchiato steht in Reichweite.
Ich schütze meine Finger in den Hosentaschen vor dem Würgegriff und mir wird klar: Mit dieser Hafermilch-Junta will Milei das Land retten. Nicht nur hier, sondern vor allem im leicht heruntergekommenen Stadtteil San Telmo, wo das Leben pulsiert, wo Kneipen, Antiquitäten und Kunsthandwerk zu finden sind. Dorthin wird in den kommenden Jahre die Karawane aus Lissabon, Porto, Marseille, Barcelona und anderswo ziehen. Wo sie das Sozialgefüge längst zerstört hat und die Lebenshaltungskosten jegliche Bodenhaftung verloren haben. Die Masse der ExPats hat ja keine 200K $ Jobs, sie kämpft auf ihre Art gegen den eigenen Bedeutungsverlust in einer Industrie, die sie sukzessive durch KI ersetzt.
Soviel scheint klar: Milei wird sich halten. Die Aufweichung von Arbeitsrecht, die Abschaffung der Mietpreisbindung, die Öffnung für fremdes Kapital und Steuererleichterungen werden die Wirtschaft befeuern. Zu sehen bereits auf der Partymeile im oberen Teil von Palermo, wo bunt, laut und schrill die Weltjugend angesprochen wird. Wo junge Frauen mit Speisekarte und unwiderstehlichen Lächeln locken, einem Lächeln das gefriert, wenn die Gruppe potenzieller Gäste abgedreht hat. Wo der Patron die Kasse verwaltet und man von der Bedienung erfährt, dass sie von ihm nur Bezahlung für selbst geköderte Gäste erhält.
Fußballaffine kommen beim Stadtteil La Boca ins Schwärmen. Das weithin sichtbare blau-gelbe Stadion ist das Mekka der Fußballverrückten. Sieht man sonst in der Stadt selten einen Hundehaufen, sind hier die Gehwege voll damit, das erinnert an Paris der frühen Achtziger Jahre, doch hier stehen gedrungene Häuser mit Flachdach. Viele wirken verlottert, nicht wenige verlassen. Den täglichen Bedarf deckt man in Ramschläden. Das herausgeputzte Stadion selbst wirkt dabei wie eine Perle in der sandigen Schale.
La Boca -der Mund- erreicht man beispielsweise von Hafenseite her, nachdem man durch verlassene Vorstadtstraßen gerüttelt wurde. Man steigt aus dem Bus und nach wenigen Metern empfängt einen La Boca de l‘Inferno, der Höllenschlund.
Aus authentischen Tango-Bars klingt unüberhörbar argentinisches Kulturgut. An den Fensterkreuzen hängen fette Würste, dicke Steaks liegen auf dem Holzkohlegrill. Grillduft umschmeichelt die Nasenflügel in Nah und Fern.
Die landesübliche Tracht hat sich hier wohl bewahrt, stramme Burschen und fesche Mädels laden eindringlich zum Verweilen.
Nachdrücklich wird man zum Fototermin mit einer ländlichen Schönheit, alternativ einem der omnipräsenten Messis oder Maradonas aus Pappmachee ermuntert.
Eine noch pubertierende Hommage an Rudolpho Valentino dreht mit einer Gleichaltrigen auf knapp zwei Quadratmetern Gummimatte Pirouetten. Der Schlitz in ihrem Kleid beschreibt ab dem Oberschenkel eine Kurve und endet punktgenau am Bauchnabel. Daraus ergibt sich größtmögliche Beinfreiheit beim Ausfallschritt. Man denkt an bastberockte Tänzerinnen in der Serengeti und fragt sich nach der Wirkung von Schuhplattlern am Königsee.
Die chinesische Arbeiterklasse hat in einem Akt der Solidarität Devotionalien aller erdenklichen Art und Couleur geschickt. Sie wurden gleichmäßig und üppig auf viele Geschäfte verteilt.
Auf einer Fläche von zwei Fußballfeldern wird somit der Bedarf Kulturinteressierter aus aller Welt gedeckt.
Die Madres de la Plaza de Mayo, die Mütter vom Mai-Platz haben ihr Hauptquartier am Kongressplatz. Jeden Donnerstag Nachmittag erinnern sie bei einem Rundgang um dem Mai-Platz an die während der Militärdiktatur von Jorge Videla verschwundenen Söhne Töchter. Am Eingang geht es in einen Buchladen mit Merchandising-Artikeln wie Kaffeebechern oder Untersetzern, das Logo zeigt ein weißes Kopftuch, das Markenzeichen der Madres.
An den Wänden hängen Plakate mit Aufrufen zu Demos und ölgemalte Kraftspender, in sozialistischer Manier großformatig auf Leinwand.
Die Heldenverehrung erschöpft sich nicht in den Ikonen der Linken. Ché, Chavez, die Kirchners, Evita … auch Franziskus hat seinen Platz. Über allen thront allerdings Asuzena Villaflor de Vicenti. Die erste Anführerin, sie wurde von den Militärs gefangengenommen, gefoltert und über dem Rio de la Plata aus dem Flugzeug geworfen. Wie auch zwei französische Nonnen und weitereFrauen, die wohl das selbe Schicksal erlitten haben, so wie die vielen junge Frauen und Männer, deren Verlust sie anprangerten. Wie Asuzena Villaflor hängt auch der Ché nie kleiner als im Format A2 an wirklich jeder Wand.
Am Ende des Ganges öffnet sich ein Veranstaltungssaal mit Bühne und Bestuhlung. An der gegenüber liegenden Wand hängen etwa 5m breit und gut 4m hoch die Fotos von 240 Verschwundenen, säuberlich geordnet in vier Blöcken zu je 60 Personen, was das Schaurige nochmals unterstreicht.
Heute Vormittag wurde Marlis -als sie kurz alleine draußen war- das Phone mitsamt Kette und Halterung vom Hals gerissen. Sie hielt es dabei noch in der Hand. Nachdem alles gesperrt war, haben wir uns auf den Weg zur nächsten Polizeistation gemacht. Nach insgesamt 5km konnte uns dann auf dem dritten Polizeirevier geholfen werden.
Mich hat Montezumas Rache ereilt. Ein Infekt hält mich in Badezimmernähe. Morgen gehts weiter nach Montevideo.
Fortsetzung folgt …
































































