Samstag, 24.1.

Samstag, 24.1.

Stolpersteine

Was bei uns die Stolpersteine aus Messing sind, die an die ehemalige Wohnstatt jüdischer Mitbürger und anderer von den Nationalsozialisten Vertriebener und Ermordeter in den Gehweg gelassen werden, sind hier die bunten Mosaiktafeln. Man findet sie überall in der Stadt, teils im Boden eingelassen, teils in Häuserwände. Der Wortlaut für diese Opfer des Staatsterrors, wie es hier genannt wird, ist dabei immer gleich, es wechseln lediglich Name und Datum. 2026 jährt sich die Machtergreifung der Militärjunta unter General Videla zum 50. Mal und es sind große Aktionen und Demonstrationen vonseiten aller politischen Gruppierungen geplant. Für viele stellt die Wahl Mileis und die kürzlich erfolgte parlamentarische Bestätigung seiner Macht eine Zäsur dar, die sich erst langsam in ihrer Härte abzeichnet. Die uns in Zentrumsnähe täglich begegnete Armut scheint nur die absolute Spitze des Eisbergs zu sein, wie mir von argentinischen Freunden berichtet wurde.

Noch einen kurzen Ausflug nach San Telmo, der Mitbringsel wegen und ganz kurz eintauchen in das ständig wachsende Angebot „authentischer“ Waren. Noch wirbt man zumindest bei Lederwaren mit „Argentinischer Handwerkskunst“. Und dennoch, mittendrin eine kleine Pizzeria, als Kollektiv geführt, wo wir für zwei Milchkaffee und ein Medialuna-Hörnchen umgerechnet 2€50 bezahlt haben.

Auf dem Rückweg erhielten wir eine Ahnung davon, was passiert, sollten die Busfahrer in Mileis Turbokapitalismus künftig nach Höchstgeschwindigkeit bezahlt werden. Am fast leeren Bus waren auch die Blattfedern wenig ausgelastet, die Schläge von der sehr unebenen Fahrbahn ausgehend, knallten ungebremst in die Bandscheibe. Ein kurzer Stopp nahe der juristischen Fakultät, dort gab es einen Kunsthandwerksmarkt. Man ging etwa einen halben Kilometer durch ein Spalier lauter genormter Stände, alle 2×2 Meter groß.

Gürtel, Taschen, Matebecher, von Pan- bis Mateflöte. Bilder, Fotos, Laubsägearbeiten, Jagdmesser mit Horngriffen und Silberschmuck. Versilberte Geldklammern um die Kohle zusammenzuhalten, doch erst darf man sich von der lösen, denn die Klammer wird nicht verschenkt. Der 20.000 Pesoschein soll wohl der größte sein, gesehen haben wir ihn aber nirgends. Beim derzeitigen Kurs entspräche er in etwa 11 Euro. Lässt man sich die maximale Summe von 250 Euro auszahlen, erhält man somit einen Stapel Scheine in der Dimension eines Union-Braunkohlebriketts. Das wird dann erst einmal halbiert, die beiden Stapel werden in der Mitte mit einem Gummi fixiert, gefaltet und in die Hosentasche gestopft. Trägt man größere Summen mit sich herum, bietet sich also eher eine Fototasche als eine Geldbörse an. Die Scheine sind ungeachtet ihres Werts alle so groß wie die Dollarnote. Mit Münzen wird nicht geklimpert, der kleinste Schein ist der 50er, etwa 9 Cent. 50er und 100er sind auch die lumpigsten und ältesten Scheine, 500er meist recht neu, ebenso die 10.000er, von denen wohl einige gedruckt werden. 1000er haben mittlere Qualität, 2000er sind meist deutlich besser.

Doch zurück zum Markt: man stelle sich den Freiburger Kartoffelmarkt mit seinen Hippieständen als Verkaufsstand gewordene Hyperinflation vor. Es sind tatsächlich Hunderte, Resilienz bekommt angesichts des Angebots eine neuen Dimension, zumal die olfaktorische Keule alle 10 Meter neu geschwungen wird. Von Jasmin zu Patchouli und immer neuen Duftkreationen von Räucherstäbchen wird einem brachial der Verstand vernebelt. Wer aus dem Labyrinth ohne etwas zu kaufen herausfindet, der darf sich Ferré auf ein Körperteil seiner Wahl tätowieren lassen: „Unter 100 ist nicht einer und dennoch: es gibt sie“.

Der Zeltstadt entkommen erreicht man den schon besagten Friedhof und wer noch immer keine 15 Euro für einen Blick auf Evita Perons Mausoleum hingeblättert hat, dem winkt hier die Gelegenheit. Alternativ vielleicht eine Tour im offenen Touribus, bei 32° im Schatten? Keine Angst vor Schatten, der Bus rumpelt nur durch mittäglich sonnendurchflutete Avenidas ab 6 Spuren Breite.

In 24h geht unsere Düse. Etwa 11.500 KM in eine Realität der Minusgrade. Das Fazit? Buenos Aires, diese wundervolle scheiß Stadt, der ich augenblicklich verfallen bin. Um noch einmal André Malraux zu bemühen, weil es treffender gar nicht geht: „Buenos Aires ist die Hauptstadt eines Reiches, das es nie gegeben hat“.

Sie schleppt sich von Krise zu Krise, rappelt sich auf, schminkt sich und torkelt bald wieder. Ihr Fatalismus hat eine Anmut die wirkt wie eine Droge. Mehr als alles andere ist Buenos Aires jedoch ein Versprechen; sie hat noch so viel vor sich und das dazugehörige Reich, das braucht es ja auch noch.

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